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An einem Ort, wo kleine Mädchen Justin Biber nicht kennen...

 –  Aktuelles

avendi-Mitarbeiterin Carolin Holwitt reiste nach Indien, um dort den Brückenbauer Verein bei seiner Arbeit zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit dem Vinzentiner Orden soll dort eine Art Apotheke auf Rädern realisiert werden. Caro war im angrenzenden Mädcheninternat untergebracht und ist avendi dankbar für die Freistellung, denn sie hat Eindrücke fürs Leben gesammelt. Sie berichtet:

Seife – Freund und Helfer

Nach meiner turbulenten Anreise haben mein Gepäck und ich es zum Flughafen Viyajawada geschafft, an dem ich von Schwester Elaise abgeholt wurde. Ihre Nonnentracht half dabei ungemein, zuordnen zu können, wohin ich gehöre. An meinem ersten Tag wurden mir dann auch direkt zwei traditionelle Outfits für meine Tätigkeit als Lehrer in der Schule gekauft – bodenlange Kleidung bei Hochsommertemperaturen, na das konnte ja was werden... Die Kleider habe ich dann abwechselnd getragen und jeweils am nächsten Morgen um 5 Uhr mit Kaltwasser und Seife per Hand gewaschen, damit diese bis zum Abend wieder trocknen konnten. Apropos Seife, was eine geniale Erfindung diese doch darstellt, auch wenn sie bei uns, bei all den vielen Kosmetikprodukten und Hygieneartikeln, die wir haben, kaum Beachtung findet. In diesem kleinen Örtchen ist die Seife dein Freund und Helfer, der dir bei der Reinigung von Kleidung und Körper von Schmutz, Staub und Bakterien behilflich ist. Ich durchforstete daher die Schulbücher und stellte ernüchtert fest, dass das Thema eines bewussten Gesundheitsverhaltens leider kaum eine Rolle spielt. So bat ich den Schuldirektor darum, einen Projekttag zur Seife in den Klassen eins bis sechs unserer Grundschule durchführen zu dürfen. Ich versuchte mich also an einer spielerischen Erklärung zum Waschen der Kleidung. Wir flogen also als Bakterien wie Flugzeuge über den Schulhof und es zauberte den Kindern ein Lächeln ins Gesicht und wahrscheinlich auch viel Lärm in die anderen Klassenräume. Nicht nur, dass Kinder in Klassengrößen von 40 und mehr sowieso schon laut und schwer zu bändigen sind... Mit der zusätzlichen sprachlichen Barriere schien dieses Chaos vorprogrammiert gewesen zu sein und ich fühlte mich mittendrin pudelwohl.

Andere Länder, andere Sitten...

Dass diese Kinder grundsätzlich anders ticken als gewöhnliche neun- oder zehnjährige Deutsche habe ich auch bemerkt, als zwei Mädels auf die Idee kamen, vom Gelände abzuhauen, weil die Eine der Anderen ihr Zuhause zeigen mochte. Wir düsten mit allen Fortbewegungsmitteln los: mit Fahrrad, Roller, Motorrad, Tuctuc und Auto. Als es dunkel wurde, wurde auch ich in meinem Jeep nervös, weil von den Mädels keine Spur zu finden war. Wir fanden sie dann doch vor Mitternacht, heimlich war ich beeindruckt, wie weit sie es geschafft hatten – über 50 Kilometer. Mir waraber auch sofort bewusst, dass den beiden Mädels eine Standpauke und eine ordentliche Tracht Prügel bevorstand, in dieser Gegend herrschen noch andere Erziehungsmethoden. Also nahm ich die beiden eingeschüchterten Kids in die Arme und drückte sie. Ich sagte ihnen, dass ich wegen all der bösen Menschen und der Dunkelheit Angst um sie hatte, aber dass ich stolz auf sie sei, dass sie schon so selbstständig sind und so weite Strecken hinter sich bringen können. Sie sollen an den Geschmack von Süßigkeiten denken – Lutscher, Bonbons, Kekse – wenn es später soweit ist... Jeder bekam noch ein „High-Five" und einen Kuss auf den Kopf und ich selbst zog mich zurück und ging schlafen. Sofern das überhaupt möglich war, bei einer Hindu Hochzeits-Zeremonie im Haus nebenan, die seit Tagen bis tief in die Nacht andauerte...

Kampf gegen AIDS

Aber mein Wecker klingelte trotzdem wieder um 4.30 Uhr, bescheuertes Teil! Eines Morgens sehnte ich dem Frühstück besonders entgegen und sprag förmlich aus meinem Bett: Wir hatten mir am Vortag eine Packung Haferflocken und Nudeln aus der Stadt mitbringen lassen! Mit einem freudigen „Guten Morgen!" begrüßte ich die Schwestern, die schon längst auf den Beinen waren und mir dann mitteilten, sie hätten schon die Nudeln für mich gekocht. Oh, no, Nudeln um diese Zeit? Natürlich wieder mit ganz viel scharfer Currysoße! Ich setzte ein Lächeln auf und bedankte mich, was blieb mit anderes übrig – außer Reis natürlich. Davon kaufte ich dann später  auch 370 Kilo für etwa 150 Euro. Wir standen in den Vorbereitungen für unser Aufklärungsseminar, das mit HIV-Patienten stattfinden sollte. Schwester Elaise fühlte sich nicht fit, also stieg ich alleine in den Jeep. Im Gepäck meine Einkaufsliste – auf Notizzetteln für die Verkäufer in der Sprache Telugu. Ich kaufte also für alle 37 ausgewählten Patienten jeweils 10 Kilo Reis, eine Packung Nüsse und Linsen, und holte ihre Monatsration HIV-Medikamente am Krankenhaus ab. Ich war interessiert und schaute mich um, der OP-Saal sieht aus wie auf einem Schlachthof und ich weiß, wovon ich rede. Der kostenlose Kondomspender war leer, na toll.

In der letzten Schulstunde erhielt ich immer mein tägliches Workout bei Spielen wie Plumpsack, da natürlich jeder ein Rennen gegen mich antreten wollte. Ich fühlte die Blasen unter meiner inzwischen dicken Hornhaut wachsen. Nach der Schule wechselte ich meine Kleidung von traditionell zu funktional und in einem T-Shirt und einer Hose fühlte ich mich dann doch am wohlsten. So ging es zu den HIV-Patienten nach Hause. Auf dem Weg sahen wir die Männer, die gerade mit großen Reissäcken auf der Schulter oder auf dem Kopf den Wochenlohn nach Hause trugen. Vier Generationen leben in den kleinen Hütten, sieben Personen auf zehn Quadratmetern. Viele sind durch das HI-Virus, den Begleiterkrankungen und der Hitze nicht in der Lage, eine richtige Arbeit auszuführen. Wir trafen eine Frau, die bei sich Zuhause 14 Ziegen hütet – auf einem Gelände von etwa der Größe meiner WG, 55 Quadratmeter, damit verdient sie rund 2 Euro im Monat. Einer unserer Patienten hielt einen Affen und erzählte, dieser habe sie vor vielen Jahren auf der Suche nach Essen angegriffen und so habe man ihn gefangen. Jetzt dient er als Schutz vor anderen Affen.

Traditioneller Feiertag

Übrigens: Die Kinder in den Dörfern waren bei meinem Anblick verwirrt und fragten Schwester Elaise, warum ich weiße Haare habe, aber nicht alt aussehe wie ihre Omas und Opas. Das eine oder andere Kind war so sehr irritiert, dass ihm die Tränen in die Augen schossen. An meinem zweiten Wochenende begann eine Art Erntedankfest. Die Kindergärtnerinnen und Lehrer hatten große Freude daran, auch mich in die Mutter aller traditionellen Gewänder zu packen: den Sari. Am Vortag hatten wir mir bereits einen Stoff auf dem Markt gekauft. Allerdings musste die Bluse erst geschneidert werden und solange wurde ich mit einem wunderschönen, pinken Modell ausgestattet. Je eine Rose in die Hand und in die Haare, Hände und Arme wurden mit Henna bemalt. Zum Ende wurden mir noch riesige Ohrringe durch meine kleinen Ohrlöcher gematscht, eine schwere Kette um den Hals gehängt und mit Streichhölzer-Kohlemasse als Kayal die Augen geschminkt.

Die Zeit vergeht schnell – der Abschied naht

Schnell verging die Zeit. Der Abschied nahte. Unser Busfahrer Jeni nahm mich noch zu Hahnenkämpfen mit. Er will Geld für die Unikosten seiner Kids gewinnen, 35.000 Rupes sind fast 500 Euro. Viele verzocken sich dabei, es wird zu viel Alkohol getrunken.

An meinem letzten Abend haben wir mit den Internatsmädels vor Ort noch einen Tanzwettbewerb durchgeführt. Im Anschluss gab es mit meinen drei lieb gewonnenen Schwestern eine Abschiedsfeier mit selbstgebackenem Kuchen, der – typisch für die Region – dem anderen in den Mund gesteckt wrude. Wir ließen den Abend auf der Dachterasse ausklingen, während wir in den Himmel schauten und Glühwürmchen beobachteten. Ich verabschiedete mich von meinem Zimmergenossen Tobin, einem wunderschönen Salamander, der gerade wieder eine Motte jagte, und genoss, das letzte Mal mit meinem Nachbarn zeitgleich die Zähne zu putzen – ich mit Zahnbürste im Haus und er mit einem halbierten kleinen Ast vor seiner Hütte.

Zurückdenkend kann ich sagen, dass ich die Zeit vor Ort wirklich sehr genossen habe, trotz sprachlicher Barriere, einem Überfluss an Reis und Bekanntschaften mit Moskitos...