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Über eine Kutschfahrt und das „emotionale“ Gedächtnis

Über eine Kutschfahrt und das „emotionale“ GedächtnisSonstiges - Alle Jahre wieder wird vom Haus „am Lanzgarten“ eine Kutschfahrt gemacht. Nicht nur, weil eine Fahrt durch den Waldpark romantisch und eine Erfahrung für die Sinne ist, sondern auch, um einmal in anderer Umgebung Kontakt zu anderen Bewohnern zu haben und die Landschaft zu genießen.

Doch diesmal möchte ich die Kutschfahrt zum Anlass nehmen, um über ein ganz anderes Thema zu schreiben: Gerade bei solchen wiederkehrenden Ausflügen kommt es immer wieder vor, dass Bewohner mit Demenz äußern „…da war ich ja schon oft dabei“. Faszinierend, wo doch Gedächtnisstörungen bei einer Demenz das Symptom schlechthin sind. Wie kann es sein, dass wöchentliche Backaktionen, die den Bewohnern sichtlich Spaß machen und bei denen sie sich nützlich und kompetent fühlen, nach fünf Minuten vergessen sind, aber eine Fahrt in der Kutsche, die es nur ein- oder zweimal im Jahr gibt, in Erinnerung bleibt? Manch einer wird sagen, dass die Betroffenen wahrscheinlich früher schon öfter solche Fahrten gemacht haben und sich deshalb daran erinnern. Das ist möglich, konnte im Einzelfall aber auch schon ausgeschlossen werden.

Also, seltsam - oder eigentlich doch ganz klar? Auf jeden Fall erklärbar, wenn man bedenkt, dass durch die demenzielle Veränderung Emotionen in den Vordergrund treten und das Erleben dadurch viel stärker und unmittelbarer bestimmt wird.

Der vernunftbegabte Mensch lernt mit dem Erwachsenwerden nach und nach seine Emotionen zu kontrollieren und sich den Normen und Werten der Gesellschaft anzupassen. So brechen wir z.B. nicht unvermittelt in Tränen aus, auch wenn uns eigentlich danach ist oder werfen uns schreiend auf den Boden, wenn uns etwas gegen den Strich geht. Das verbietet schon „die gute Kinderstube“. Wir haben gelernt, Emotionen zu kontrollieren und diese nur dann zu zeigen, wenn es angemessen erscheint.

Bei Menschen mit Demenz kann diese verstandesmäßige Kontrolle mit fortschreitender Erkrankung nach und nach verloren gehen. Emotionen treten dann unmittelbarer in Erscheinung und sind auch wechselhafter. Man spricht hier mit einem unschönen Wort von „Affektinkontinenz“. Dabei kommt es vor, dass Menschen unvermittelt anfangen zu weinen oder auch sehr wütend werden können, wenn sie etwas verärgert. Andererseits entwickeln diese Menschen auch sehr feine Antennen für die Gefühle anderer. So kann es uns zwar durchaus gelingen, die eigene schlechte Laune vor Kollegen zu verbergen, jedoch viel schwerer vor einem Menschen mit Demenz. In solchen Situationen hört man dann überraschende Sätze wie „Ihnen geht es heute aber auch nicht so gut.“, bevor man es selbst realisiert hat.

Das ist übrigens auch ein sehr gutes Beispiel dafür, dass aus jeder Störung auch eine Kompetenz erwachsen kann. Es kommt eben - wie so oft - auf die Betrachtungsweise an. So kann man z.B. durch die Arbeit mit Menschen mit Demenz selbst lernen, mit seinen eigenen Emotionen besser umzugehen, weil man sich viel mehr damit beschäftigt und so die Angst davor verliert.

Oft werde ich von Menschen, die nicht in diesem Bereich arbeiten, gefragt, ob es nicht unheimlich schwer ist, damit umzugehen. Ich muss zugeben, manchmal ist es das wirklich. Gerade zu Beginn meiner Arbeit war ich oft überrascht und manchmal auch etwas hilflos im Umgang mit besonders starken Emotionen wie Traurigkeit, Aufregung und Wut. Doch eigentlich geht es den Menschen mit Demenz in diesem Fall überhaupt nicht anders als uns selbst: Wir wollen, dass unsere Gefühle ernst genommen werden und es hilft viel mehr, wenn ein anderer dieses Gefühl mit uns zusammen aushalten kann, statt immer wieder zu beteuern, dass ja alles wieder gut wird und es eigentlich gar keinen Grund zur Aufregung gibt. Ich bin sicher, das kennen Sie auch. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob die Eltern, um deren Tod wir trauern, seit einem halben oder schon seit 20 Jahren tot sind. Wenn es uns traurig macht, dann ist das so und kein anderer Mensch hat das Recht, uns dieses Gefühl auszureden.

Aber ich möchte noch einmal auf die Kutschfahrt zurück kommen. So gesehen ist es also nicht ungewöhnlich, dass sich Menschen mit Demenz an besondere Erlebnisse viel besser erinnern können, da diese ja auch immer mit mehr Emotionen verbunden sind. Negative wie positive Emotionen können also bewirken, dass wir uns an Ereignisse besser erinnern können. Die verstandesmäßige Kontrolle und das Kurzzeitgedächtnis lassen hier zugunsten der Emotionen nach, während das „emotionale“ Gedächtnis sehr lange erhalten bleibt.

Mich freut es immer besonders, wenn mich Bewohner mit Demenz, die sich im Alltag weder an meinen Namen noch an meine Funktion erinnern, nach meinem Jahresurlaub strahlend mit den Worten begrüßen: „Wir haben uns aber lange nicht gesehen, schön, dass Sie wieder da sind.“ Denn weder Namen noch Berufe sind wichtig, wenn es einem gelingt, die emotionale Ebene eines Bewohners zu erreichen und so eine angenehme Umgebung für weiteres Handeln zu schaffen.


verfasst von Sandra Büttner, 21.06.2010